ZK-Netz

Der 17. Juni 1953 hatte für Radeberg gewichtige Auswirkungen hinsichtlich der Richtfunkgerätefertigung. Der DDR-Staatsführung war bewusst geworden, dass ihre Instrumente der Macht verletzlich waren. Fernsprechämter waren besetzt gewesen und Nachrichtenverbindungen unterbrochen. Nun sollten also zugriffssichere parteiinterne Nachrichtenverbindungen entstehen. Ein Netz von Richtfunklinien zwischen Parteiführung und den Bezirken, in einer späteren Ausbaustufe auch zu den Kreisen der Republik wurde errichtet.

In der ersten Ausbaustufe wurde zuerst mit Geräten RVG 903, ab 1960 mit RVG 934 das Zentralkomitee der SED mit den SED-Bezirksleitungen verbunden. Anfangs waren das noch provisorische Aufbauten und Gittermasten, später die charakteristischen grünen, 25m hohen quadratischen Fernmeldetürme, die damals überall im Lande auf markanten Höhen emporwuchsen. Mit deren Bau wurde die parteieigene Firma Fundament GmbH beauftragt, die bereits für die SED anderweitig wirtschaftlich tätig war. In jedem Bezirk gab es ein sogenanntes A1-Objekt, von dem aus die Bezirksleitung der SED über Richtfunk angeschlossen war.

Für die zweite Ausbaustufe folgten dann zwischen 1960 und 1973 über eintausend Anlagen RVG 924, die für das Richtfunknetz geliefert wurden. Das war Arbeit und Absatz für die Gerätefabrik in Radeberg über Jahre hinaus bis an die Kapazitätsgrenze. Bei dieser Netzerweiterung wurden dem Netz der Richtfunklinien zu den A1-Objekten in den Bezirken (1. Netzebene) sternförmig Linien zu den SED-Kreisleitungen hinzugefügt (2. Netzebene). In den A1-Objekten wurden die Vermittlungen vergrößert, wobei meist auch die Türme durch seitlichen Anbau erweitert worden sind.

Dieses stark geschützte Fernmeldenetz wurde nicht wie üblich in der Zuständigkeit des Postministeriums sondern unter der des Zentralkomitees (ZK) der SED errichtet. Anfangs wurden aus den einschlägigen Betrieben und aus den Fernmeldeämtern der Deutschen Post politisch zuverlässige Fachleute herausgezogen und mit hoher Geheimverpflichtung zu einem Aufbau- und Betriebspersonal zusammengestellt. Später übernahmen eigene entsprechend ausgebildete Kräfte der Bezirksparteileitungen diese Arbeit. Der Betrieb des Netzes lag bis 1984 territorial bei den Bezirksleitungen der SED und unterstand insgesamt der Abteilung Fernmeldewesen beim ZK. In Brandenburg /Havel gab es eine technische Schule der SED für das Betriebspersonal des Netzes.

Ab 1965 wurden auch Sonderobjekte der NVA über Richtfunk und die Wehrbezirks- und Wehrkreiskommandos über Kabelverbindungen als letztes Stück des Übertragungsweges an das Richtfunknetz angeschlossen. Als eigenständiges System verlief neben der Netzebene 1 das Übertragungsnetz des ND-Verlages zur Übertragung der Drucksätze der Zeitung Neues Deutschland zu den Bezirksdruckereien mit modifizierten RVG 934.

1984 wurde das Netz komplett in die betriebliche Verantwortung der Deutschen Post gegeben. Hauptgrund dafür war sicherlich, dass die westlichen Dienste das Netz mithören konnten. Seitens der Partei wurde dann kein täglicher Nachrichtenaustausch mehr geführt. Innerhalb der NVA gab es nur wenige Befugte, die Zugriff zum Netz hatten. Eine tägliche Verbindungskontrolle durch die NVA diente der Aufrechterhaltung der Betriebsfähigkeit für den möglichen Verteidigungszustand.

Nach der Wende wurde das Netz um den Jahreswechsel 1989/90 herum abgeschaltet. Die Technik wurde einfach stehen gelassen, teilweise zerstört oder geplündert. Inzwischen werden einige der Türme für den Mobilfunk und andere Funkdienste und auch für den Amateurfunk genutzt.

Ein vollständiger Plan des ZK-Netzes ist nicht Gegenstand dieser Ausarbeitung. Der Plan Schmalbandnetz der Deutschen Post enthält die Netzebene 1 dieses Netzes zu den Bezirksstädten.


ANMERKUNG: Es ist nicht Anspruch dieser Darstellung, umfassend die Verwendung der im Werk produzierten Richtfunk- und Nachrichtentechnik aufzuarbeiten. In Anbetracht der mit den Anwendungen bei den sogenannten Sonderbedarfsträgern (u.a. Ministerium des Innern, Ministerium für Nationale Verteidigung und Ministerium für Staatssicherheit) verbundenen Geheimhaltung ist davon auszugehen, dass nur ein Teil der Fakten bekannt geworden ist. Durch eine mit Quellen belegte Feststellung auf dieser Webseite zur Beteiligung des MDI am Aufbau des Netzes, ist eine nahezu zweijährige anfangs kontrovers, später sachlich abwägend geführte Diskussion unter Beteiligung zahlreicher ehemaliger Mitarbeiter und Wissensträger angestoßen worden.

Als Ergebnis liegt nun eine abgestimmte Darstellung von Herrn Hans-Peter Schwenke, Dresden über das ZK-Netz aus Sicht der am Netz Beteiligten vor.

Die Bezeichnung "ZK-Netz", die hier verwendet wird, ist von der Gesamtverantwortung in der Hand der Abteilung Fernmeldewesen des ZK abgeleitet. Formal korrekt ist die Bezeichnung "Richtfunknetz der SED". Der Name "Richtfunknetz der NVA" bezieht sich auf den von der NVA benutzen Teil des Netzes, der entweder in eigener Zuständigkeit der NVA stand oder auf den Türmen des ZK-Netzes mitbenutzt wurde. Die damals volkstümliche Bezeichnung "Stasi-Türme" war zu allen Zeiten falsch. Die Bezirksverwaltungen des MfS unterhielten auf einzelnen der Türme des Netzes zwar eigene Relaisstellen mit Richtfunkgeräten RVG 950 als Zubringer für ihre bezirksinternen Bündelfunknetze im 2m-Band. Dies war aber stets eine untergeordnete Mitbenutzung. Verwiesen sei auf die Darstellung zum Richtfunknetz der NVA als Teil dieser Betriebsgeschichte. Hinsichtlich des oben genannten ZK-Netzes sei auch verwiesen auf http://jobakampe.magix.net/public/index.html und auf http://de.wikipedia.org/wiki/Richtfunknetz_der_Partei


[Grafik]

Hans-Peter Schwenke, Dresden
Das ZK-Netz der SED
Niederschrift vom Nov 2013; 10 Seiten;1 MB