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Entwicklung und Produktion von Richtfunktechnik

Die Richtfunktechnik in Radeberg geht auf Teile der ehemaligen Entwicklung Dezimetergeräte der Firma C. Lorenz AG zurück, die 1946 unter sowjetischem Einfluss in ein leerstehendes Gebäude des Sachsenwerk Radeberg einzog. Im nachfolgendem SAG- Betrieb wurden für die Besatzungsmacht Richtfunkgeräte entwickelt und bis 1955 gebaut.

Beim Aufbau des Fernsehens und UKW-Rundfunks in der DDR waren Richtfunkeinrichtungen eine entscheidende Komponente für die Übertragung gebündelter Fernsprechkanäle und der Bild- und Tonsignale vom Studio zu den Sendern. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre kam zu diesem Bedarf auch der Bedarf an Nach­richtenlinien über Richtfunk­strecken bei der Deutschen Post, der Armee und bei Sonder­bedarfsträgern hinzu. Ein nennenswerter Anteil Radeberger Richtfunktechnik wurde exportiert.

Im Fertigungsprogramm des Betriebes Radeberg hat die Richtfunktechnik immer eine untergeordnete Rolle gespielt und erreichte nach 1950 zu keiner Zeit höhere Umsatzanteile als 15% der Gesamtproduktion. Für die Nachrichteninfra­struktur des Landes war sie jedoch immer unverzichtbar, so dass die Richtfunktechnik in Radeberg alle Hauptfertigungslinien bis über die Wende hinaus überdauert hat. Zum Geschäftsfeld Richtfunk­technik gehörten die Entwicklung im F-Gebäude und die Gerätefabrik, bestehend aus Gerätemontage und Geräteprüffeld in der 1960 gebauten Shedhalle. Andere Kapazitäten des Betriebes wurden anteilig genutzt.

1947 Im April wird der Zweigbetrieb C. Lorenz Radeberg, der ein Jahr zuvor in das Werksgelände eingegliedert worden war, einer Demontage unterworfen und damit aufgelöst. mehr>>>

Die Mehrzahl der Mitarbeiter werden als neu gegründete Entwicklungsabteilung vom SAG-Betrieb Sachsenwerk Radeberg übernommen, mehr>>>

Die bei C. Lorenz begonnene Arbeit wird unter neuen Bedingungen unter sowjetischer Verwaltung fortgeführt. Ende 1947 ist das erste auf der Grundlage früherer Lorenz-Geräte in Radeberg entwickelte Richtverbindungsgerät RVG 901 fertig.
1948 Leicht überarbeitet geht RVG 902 als Reparationsleistung für die Besatzungsmacht in Fertigung. 30 Geräte RVG 902 und 136 Dezitelefone sind der Anteil der Richtfunkproduktion an den Reparationsleistungen für die Sowjetunion.
1949 Richtfunkgeräte RVG 902 werden in 36 sowjetische Militär-LKW (RDS-Wagen) eingebaut, die Fertigung der Meßgeräte und Rundfunkgeräte ist stark rückläufig. Zwischen sowjetischen Dienststellen in Dresden-Hellerau und Berlin wird eine Richtfunk-Erprobungsstrecke mit den Zwischenstellen Valtenberg, Steinberg, Collm, Stülpe und Müggelturm aufgebaut.
1950 Neue Richtfunkgeräte sind in Entwicklung. Das Dezitelefon ist ein Verkaufserfolg. Die Fertigung der RDS-Wagen für die Sowjetunion läuft weiter.
1951 Die Gerätefabrik im Ostflügel des E-Gebäudes liefert die ersten acht RVG 903 aus. Geräte zur Ausnutzung der Richtfunkkanäle für Mehrfachtelegrafie kommen hinzu. Die letzten von insgesamt 60 RDS-Wagen werden ausgeliefert. Der Umsatz an Nachrichtengeräten insgesamt sinkt von 17 Mio. Mark 1949 auf 6 Mio. Mark. Ursache>>
1952 Am 1. Juli wird aus dem SAG- ein volkseigener Betrieb. Mit dem Rückgang der Reparationslieferungen beginnt eine Umstellung auf eine Fertigung für den Eigenbedarf der DDR. Für den Aufbau der ersten Zubringerstrecken für Fernseh- und UKW-Rundfunksender werden die Geräte RVG 904 und RVG 905 gebaut. Insgesamt werden 170 RVG-Geräte ausgeliefert.
1953 Der Aufbau eines Fernsehsendernetzes in der DDR ist in vollem Gange. Richtfunktürme werden gebaut. Das Sachsenwerk Radeberg liefert auch zwei Fernsehsender. Die im Aufbau begriffene Armee bestellt für militärische Richtfunkstrecken 290 Richtfunkwagen. Die letzten werden 1954 fertig.
1954 Ein schwaches Jahr für die Nachrichtengerätefertigung. Die Fernsehgerätefabrik liefert stabil etwa 40.000 Geräte, die Elektromotorenfabrik etwa 100.000 Motoren. Die Nachrichten- und Messgeräte bringen mit ca. 12 Mio. Mark nur den kleinsten Teil des Warenproduktion von 70 Mio. Mark. Der Aufbau eines internen Richtfunknetzes der Partei- und Staatsführung (ZK-Netz) verspricht aber weitere Auslastung der Richtfunkfabrik.
1955 Die Lieferungen von 47 RVG 903 und von 42 Trägerfrequenz- und Telegrafiegeräten für das ZK-Netz und insgesamt 2.221 Messgeräte machen den Hauptteil der Geräteproduktion aus. Erste Richtfunk­geräte gehen in den Export. Der Bedarf der deutschen Post ist vergleichsweise gering. Mit dem dritten Fernsehsender und 8 UKW-Sendern läuft diese Linie aus. Die Fertigung von Fernseh- und UKW- Sendern wird vom Funkwerk Köpenick fortgeführt.
1956 Tiefpunkt der Gerätefertigung (5,5 von 97 Mill. Mark Warenproduktion). Mit 19 Richtfunkgeräten RVG 951 beginnen Exporte nach China. Die Lieferungen an das ZK-Netz wachsen. Im November erhält der VEB Sachsenwerk Radeberg den neuen Namen VEB RAFENA-Werke Radeberg.
1957 Weitere 20 RVG 951 werden gefertigt. Die Bestellungen der Deutschen Post wachsen wieder. Die Warenproduktion erreicht wieder 10 Mio. Mark. Die Auslieferung von RVG 908 und RVG 955 verzögert sich.
1958 Neue Richtfunkgeräte kommen in die Fertigung: RVG 908, RVG 934 und RVG 955. Noch 6 Richtfunk­wagen werden an die Armee geliefert. Die Fertigung von Messgeräten für Fertigung, Einmessen und Service von Richtfunkstrecken wächst erheblich.
1959 RVG 934 für die Magistralstrecken des ZK-Netzes ist ein Jahr in Verzug. Mit den letzten 46 Dezi­telefonen gehen 11 Fertigungsjahre dieses Gerätes zu Ende. Die ersten 20 Fernsehumsetzer werden an die Deutsche Post geliefert.
1960 Der Ausbau der Zubringerstrecken für die Rundfunk- und Fernsehsender mit Geräten RVG 908 und RVG 955 geht weiter. Inzwischen läuft die Fertigung RVG 934 richtig an. Eine umfassende Rationalisierung des Werkes beginnt. Für Fertigung, Montage und Prüfung der Richtfunktechnik wird eine neue Shedhalle gebaut.
1961 Der Aufbau der zweiten Etappe des ZK-Netzes mit der Anbindung aller 356 Kreisparteileitungen der SED läuft an. 736 Geräte RVG 924 binden die gesamte Kapazität der neuen Gerätefabrik in der Shedhalle (10,2 Mio. Mark).
1962 In Vorbereitung eines zweiten Fernsehprogramms in der DDR werden neue Breitbandrichtfunkgeräte RVG 958 / RVG 960 / RVG 935 und die zugehörigen Fernüberwachungs- und Ersatzschaltgeräte entwickelt. Ab 1964 werden diese Geräte bei der Deutschen Post und auf zwei Strecken in der Tschechoslowakei eingesetzt.
1966 Die letzten von insgesamt 233 Fernsehumsetzern werden ausgeliefert.
1967 Mit dem voll transistorisierten 5-Kanal-Gerät RVG 950 beginnt die Ablösung der mit Röhren bestückten ersten Gerätegeneration der Richtfunktechnik. Dieses sehr erfolgreiche Gerät wird sowohl für den Export als auch für mobilen militärischen Einsatz bis 1980 in über 2000 Einheiten verkauft.
1969 Mit der Bildung des Kombinates Robotron wird die Richtfunkentwicklung als Außenstelle Radeberg des Instituts für Nachrichtentechnik (INT) in Berlin ausgegliedert. Die Richtfunkfertigung kommt zu Robotron. Es beginnt die Entwicklung des Breitband-Einheitssystems (BES), des größten komplexen Entwicklungsvorhabens der Radeberger Richtfunktechnik.
1972 Das militärische Richtfunkgerät FM 24-400 kommt in Entwicklung.
1973 Die Industrieinstandsetzung militärischer Nachrichtengeräte wird spezieller Bereich. mehr >>>
1974 Die ersten Linien des Breitbandeinheitssystems BES kommen in die Fertigung. Bis 1987 werden mit dem BES im Gesamtlieferwert von 110 Mio. M vorwiegend die Netze der deutschen Post ausgebaut. Einige Strecken werden auch in die Sowjetunion geliefert.
1975 Die Deutsche Post errichtet zwischen Berlin und Neubrandenburg eine Musterstrecke des BES. Die Richtfunkentwicklung (bisher INT, Außenstelle Radeberg) kommt zurück zum Werk.
1976 Aus dem Technologielabor der Grundlagenabteilung wird eine selbständige Abteilung Hybridtechnologie, mehr >>>
1978 Beschlüsse der Staatsführung zum Aufbau eines Richtfunknetzes der NVA führen zur Entwicklung eines Systems digitaler Richtfunkgeräte für die Übertragungskapazitäten 8 Mbit/s, 2 Mbit/s und 716 kbit/s (d.h. 120, 30 und 10 Fernsprechkanäle) und damit beginnt die Entwicklung der dritten Generation Richtfunkgeräte. Das erforderte die Schaffung neuer Technologien und spezieller Messtechnik.
1979 Die Fertigung von FM 24-400 läuft an. Bis 1989 werden über 1.000 Geräte ausgeliefert und teilweise in Fahrzeuge des Mobilen Gerätesystems MGS für die Armee eingebaut.
1984 Die ersten Geräte PCM 120-2000 werden gefertigt. Inzwischen ist das ZK-Netz in die Zuständigkeit der Deutschen Post übergeben worden und alle Investitionsprogramme sind stark reduziert. mehr>>
1986 Als zweites digitales Richtfunkgerät auf der neuen technologischen Basis kommt PCM 10-300/400/800 in die Fertigung. Einem größeren Absatzerfolg für dieses außerordentlich flexible Gerät steht der Frequenzbereich unterhalb 1 GHz im Wege.
1987 Die Entwicklung von PCM 30-400/800 beginnt. In Radeberg wird eine Fachtagung 40 Jahre Richtfunktechnik abgehalten.
1988 Erste offizielle Kontakte zur bundesdeutschen Firma ANT in Backnang anlässlich der TELEKOM 88 in Genf.
1989 ANT-Mitarbeiter führen eigene Messungen an PCM 120-2000 in Radeberg aus. Die Messwerte sind besser als die Prospektdaten. Eine mögliche Zusammenarbeit wird erörtert.
1990 Es wird eine Entwicklungskooperation mit ANT vereinbart, ein Joint Venture ist geplant. Die politischen Ereignisse der Wende überholen diese Planung.
1991 ANT übernimmt rund 600 Mitarbeiter und kauft von der Robotron Telecom GmbH i.G. einen Teil des Werksgeländes, rüstet die übernommenen Gebäude vollständig neu aus und etabliert die ANT-Nachrichtentechnik Radeberg GmbH, mehr >>>.
2003 Die letzten Entwickler, die an hochentwickelten Aufgaben der Richtfunktechnik im Bereich 26 GHz arbeiten, scheiden aus der Nachfolgefirma aus. Damit endet eine über fünfzigjährige Geschichte der Mikrowellen- und Richtfunktechnik in Radeberg.

Mehrere Beiträge befassen sich mit Themen dieses Sachgebietes. PDF-Dateien der entsprechenden Ausarbeitungen sind nachfolgend aufrufbar:

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Werner Thote:
Richtfunktechnik aus Radeberg 1947 bis 2003
15 Seiten mit zahlreichen Abbildungen (2,7 MB)
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Werner Thote:
Professor Dr.Ing. habil. Werner Mansfeld -
Ein Leben für die Hochfrequenztechnik

4 Seiten mit zahlreichen Abbildungen (3,8 MB
[Grafik]

Werner Thote:
Entwicklung und Produktion von Erzeugnissen der Richtfunktechnik im VEB Robotron-Elektronik Radeberg
Zuarbeit zur Internetseite der Technischen Sammlungen Dresden.
16 Seiten, einschließlich Erzeugnistabellen (150 KB)
[Grafik]
Werner Thote:
Richtfunkanlagen aus Radeberg: 1948 bis 1990
Manuskript für die Firmenzeitung ANT, 3 Seiten (100 KB)
[Grafik]
Peter Kahnt und Siegfried Mieth:
Einsatz von Richtfunktechnik aus Radeberg im In- und Ausland
Vortragsmanuskript 1987 und spätere Ergänzunge 10 Seiten (110 KB)

Inhaltliche Bearbeitung:
Werner Thote

Bild Links: Richtfunkturm Wahnsdorf

Letzte Aktualisierung: 31.10.2015

Weiterführende Links innerhalb dieser Internetseite:

Weiterführende externe Links:

RVG901 RVG 901 1947 Dezitelefon DT920 RVG 950 1967 FM 24-400 1972 PCM 120-2000 1984